[Reviews] Marcel Krebs und Irene Abderhalden (Hrsg.) (2024). Soziale Arbeit weiterdenken. Festschrift für Peter Sommerfeld. Springer.

Véréna Keller (2025)

Peter Sommerfeld ist der Sozialen Arbeit der deutschsprachigen Schweiz und darüber hinaus ein Begriff. Zu seiner Pensionierung fand ein Symposium statt und daraus ging das hier besprochene Buch «Soziale Arbeit weiterdenken. Festschrift für Peter Sommerfeld» hervor. Die Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit (SZSA-RSTS) bat mich um diese Besprechung. Diese zu schreiben ist mir eine Ehre.
Peter Sommerfeld kannte ich lange nur durch seine Texte. Einige fand ich stellenweise kompliziert zu lesen. Ich habe dann Peter ab und zu an Veranstaltungen getroffen und mich immer an seinem fröhlichen Namen, der struppigen Frisur, seiner Freundlichkeit und seinen engagierten Voten gefreut.
Ich schreibe aus einer Westschweizer Perspektive. Diese unterscheidet sich in entscheidenden Punkten von den Herangehensweisen in der deutschsprachigen Schweiz, wie ich darlegen werde. Ich gehöre der gleichen 68er- Generation an wie Peter Sommerfeld. Nach der Sozialschule Gwatt/BE habe ich in Genf in sozialen Einrichtungen gearbeitet und Erziehungswissenschaften studiert. Danach war ich als Professorin und Bereichsleiterin an der Haute école de travail social et de la santé Lausanne (HETSL HES-SO) in Forschung, Lehre und Organisation tätig sowie in nationalen Verbänden wie AvenirSocial, VPOD und der SKOS. Somit habe ich einen gesamtschweizerischen Blick über die französisch-deutsche Sprach- und Kulturgrenze hinweg geschärft und ärgere mich weiterhin, wenn «die Schweiz» mit der deutschsprachigen Schweiz verwechselt (sogar im vorliegenden Buch ein oder zwei Mal) und wenn die frankophone Literatur einfach ignoriert wird (in 9 von 10 Beiträgen dieses Buches). Dass die Kolleg·innen in der Romandie mit deutschsprachigen Arbeiten genauso verfahren, macht die Sache nicht besser.

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Es ist ein eindrückliches Buch. So viele gescheite Leute, die Soziale Arbeit erforschen, kritisieren, legitimieren, weiterdenken. Die sich für eine gute Soziale Arbeit engagieren. Die die Arbeit von Peter Sommerfeld zu Integration und Lebensführung, zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, zur Interventionstheorie honorieren. Die seine Person als Vorbild, als Vordenker der notwendigen Entwicklung Sozialer Arbeit anerkennen und vorschlagen, wie man Soziale Arbeit weiterdenken könnte, sollte, müsste und dies auch gleich tun. So erhält die Leserin, der Leser einen breiten Einblick in die vielfältigen Arbeiten an den Hochschulen der Sozialen Arbeit der deutschsprachigen Schweiz.
Das Buch enthält drei Themenblöcke: Professionalisierung, Wissenschaft, Soziale Arbeit politisch. Jeder Block beginnt mit einem Beitrag von Peter Sommerfeld, worauf sich dann zwei oder drei Beiträge verschiedener Autor·innen beziehen.
Ich werde in den drei Themenblöcken jeweils einige Punkte herausgreifen. Abschliessend erlaube ich mir, drei Aspekte zu diskutieren, die aus meiner Sicht im Buch zu kurz kommen. Zuerst aber ein paar Zeilen zur Geschichte der Anerkennung der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Disziplin in der Schweiz.

Soziale Arbeit ist eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin

Einen wenig sichtbaren Platz nimmt im Buch die Geschichte dieser Anerkennung in den letzten 30 Jahren ein. Sie ist eingebettet in die beiden Vorwörter und in die Biographie von Peter Sommerfeld in der Einleitung. Diese Entwicklung ist spektakulär und das Erreichte gilt es gebührend zu würdigen. Dies bedingt einen Blick zurück, und dazu möchte ich Folgendes ergänzen und unterstreichen. Im Hinblick auf die Neustrukturierung der Ausbildungen in Sozialer Arbeit beauftragte die Erziehungsdirektionenkonferenz eine Expertengruppe mit der Analyse der damaligen Ausbildungssituation. Die Experten (drei Männer) bezeichneten diese als «un véritable imbroglio», als ein komplettes Wirrwarr mit zahllosen Ausbildungsgängen ohne aufbauende Systematik, ohne Kohärenz, ohne Qualitätsstandards, ohne gesicherte Finanzierung und ohne Anerkennung im In- und Ausland, unterschiedlich in den verschiedenen Landesteilen (Meyer et al., 1997). Nach nur rund zehn Jahren, nach hunderten von Sitzungen und dutzenden von sukzessiven Fusionen und Neugründungen war die Ausbildungslandschaft eine völlig andere geworden: strukturiert, hierarchisiert, anerkannt, bestehend aus Fachhochschulen mit Bachelor- und kurz darauf Masterausbildungen, höheren Fachschulen, eidgenössischen Prüfungen sowie Lehrabschlüssen. In der gleichen Zeit erfolgte die Anerkennung als Wissenschaft durch die Aufnahme der Schweizerischen Gesellschaft Soziale Arbeit (SGSA-SSTS)

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in die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW). Im Jahr 2004 nahm der Nationalfonds die Soziale Arbeit in seine Liste der Disziplinen auf. Und mit dem 2022 eröffneten Doktoratsstudiengang Soziale Arbeit der Universität Neuenburg (Uni NE) und der Haute école spécialisée de suisse occidentale (HES-SO) ist nun die Anerkennung der Sozialen Arbeit als Wissenschaft und akademische Disziplin vollendet. Die Diskussion, ob Soziale Arbeit eine wissenschaftliche Disziplin ist, ist hiermit hinfällig geworden. Das darf man mit Stolz zur Kenntnis nehmen. Somit ist der institutionelle Rahmen für kontroverse Diskussionen, für unterschiedliche Theorien geschaffen, wie sie jeder Disziplin anstehen.
Peter Sommerfeld und viele weitere Kolleg·innen haben diese Reformen geprägt und mitgetragen und damit zahlreiche menschliche und institutionelle Auseinandersetzungen durchgestanden. Eindrücklich, wie sich diese Entwicklungen am Lebenslauf einer Person aufzeigen lassen und wie stark das Schaffen von Peter Sommerfeld nicht nur der Theorie, sondern auch der Verantwortung in Organisationen gewidmet war.

Professionalisierung der Sozialen Arbeit

Im ersten Block stellt Peter Sommerfeld die These auf, dass die Soziale Arbeit und ihre Wissenschaft bislang nicht über das Stadium einer Proto-Profession bzw. einer Proto-Wissenschaft hinausgekommen sind (S. 24), also weiterer Entwicklung bedürfen. Dazu braucht es Interventionsforschung, und zwar in Kooperation von Wissenschaft und Praxis.
Etwas entnervt – nachdenklich – stellt Sommerfeld fest, dass in der Vielzahl ihm bekannter Untersuchungen der Grossteil der Fachpersonen ihren Arbeitsalltag als individuelle Ausgestaltung der von Gesetz und Institution vorgegebenen Spielräume beschreibt und sich weiterhin weder auf Fachliteratur noch auf Theorien noch auf Methoden der Sozialen Arbeit bezieht. Diffusität also (S. 27 s.). In den Methodenbücher ortet Sommerfeld Einzelteile und Versatzstücke, aber kaum Bezug auf Forschung und keine systematische Ordnung des Fachs (S. 29 s.). Etwas bitter fragt er sich, was aus all der Interventionsforschung geworden ist, aus positiv evaluierten Modellprojekten, ob sie zu Standards geworden und gelehrt werden. Antwort: «Die, die ich kenne, allesamt nicht.» (S. 30).
Wie aber das vielfältige Teilwissen überwinden und zu einem gefestigten Wissenskorpus gelangen? Antwort von Sommerfeld: Es braucht Interventionstheorien, also empirisch gesicherte Theorien zur Erklärung der Wirkungsweisen (S. 36 s.). Solche Theorien können nur von Wissenschaft und Praxis

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und ihren Organisationen gemeinsam erarbeitet werden, denn beide Bereiche sind systematisch aufeinander bezogen.
Der Beitrag von Stefan Köngeter stellt diese These auf: «Die Rede und Forschung über die Professionalisierung der Sozialen Arbeit hat zwar dazu geführt, dass sich Soziale Arbeit als Profession begreift, hat aber leider zur Konsequenz gehabt, dass sie sich bislang zu keiner entwickelt hat» (S. 49). Er hält fest, dass Soziale Arbeit keine Einheit ist, wie das der Diskurs zur Profession unterstellt, dass das Feld keine klaren Grenzen aufweist und bedauert, wie Sommerfeld, dass sich die Fachpersonen weniger auf ihre professionelle Identität verlassen, aber «stark an gesetzlichen oder organisationalen Vorgaben orientieren» (S. 52). Diese letzte Kritik erstaunt mich. Müssen denn Fachpersonen mit öffentlichem Auftrag nicht genau dies tun, nämlich Regeln auf den Einzelfall hin interpretieren? Ist mit dieser Orientierung nicht genau die «Beurteilungsbefugnis», die «Entscheidungsmacht», wie Michael Lipsky (1980) schreibt, angesprochen, also Analyse- und Methodenkompetenz? Warum sollten Sozialarbeitende, im Unterschied zu verwandten Berufen, immer ihre «Identität» mobilisieren?

Wissenschaft der Sozialen Arbeit

Im zweiten Block erklärt Sommerfeld ausführlich die bio-psycho-sozio-kulturelle Verfasstheit der Menschen und ihre Integration in mehrere Systeme (Arbeit/Schule, Familie, Freundschaften, Vereine, Hilfesysteme, usw.), eben das Lebensführungssystem und die entsprechende Integrationstheorie. Er stellt eine laufende Forschung im Bereich Gesundheit («ALIMEnt») zur Frage vor, wie denn die Soziale Arbeit Wirkung erreicht. Das Ziel, der «Komplexleistung sozialarbeiterischer Praxis» (S. 104) auf die Schliche zu kommen, ist ein dringendes Vorhaben. An einer Stelle frage ich mich, ob sogar Sommerfeld Soziale Arbeit als nicht rational verstehbar, nämlich als Kunst, sieht. Denn er schreibt zu den «Kernaktivitäten» der Sozialen Arbeit, jenen also, die in konkrete Tätigkeiten zur Problemlösung «übersetzt» werden müssen: «Es ist wie die Farbpalette eines Malers, und ebenso ist es eine Kunst, sich fallangemessen dieser Palette zu bedienen (S. 105). Somit bleibt die Frage offen: wie wählt die Malerin ihre Farbe aus?
Der Beitrag von Lea Hollenstein vertritt die These, dass Interventionstheorien um «Wissen zur professionspolitischen Dimension» erweitert werden müssen (S. 112). Damit ist postuliert, dass sich «eine Aushandlungsordnung durchsetzt, in der die Soziale Arbeit, ohne Verstrickung in Herrschaftsverhältnisse, ihre Funktion auf der Grundlage ihrer Wertebasis und ihres Wissenskorpus» in Kooperation mit anderen Akteur·innen zum Wohl der Adressat:innen

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ausüben kann (S. 115–116). Der Beitrag kann so verstanden werden, dass eine Erweiterung um professionspolitisches Wissen die Soziale Arbeit stärken würde und sie so dem geschilderten neoliberalen Um- und Abbau der Sozialpolitik («De-Professionalisierung») Einhalt gebieten könnte (S. 136). Ob dies genügen würde? Und ob eine Soziale Arbeit ohne Herrschaftsverhältnisse möglich wäre? Die Thesen erinnern mich an Tendenzen in der Klimabewegung, die zur Durchsetzung einer konsequenten Klimapolitik mehr Wissen («Bewusstsein») fordern – obwohl ja die Fakten zu den Folgen von Klimaerhitzung und Artensterben seit Jahrzehnten vorliegen.
Der Beitrag von Annamaria Colombo zeigt alsdann, wie anders als im deutschsprachigen Raum die Diskussion um Disziplin und Wissenschaft im frankophonen Europa und in Kanada verläuft. Er plädiert dringend für eine Überwindung der Zersplitterung in Ausbildung und Forschung insbesondere, aber nicht nur, zwischen den verschiedenen Sprachregionen.
Wozu dienen Theorien? «Theorien der Sozialen Arbeit müssen für die Profession ein Fundament bilden, damit Entfremdung, Enteignung und Instrumentalisierung nicht (wieder) vorkommen» (S. 180), schreibt Silvia Domeniconi Pfister. Ihr Beitrag argumentiert diesbezüglich ähnlich wie Sommerfeld, der bestimmte Praktiken in der Geschichte der Sozialen Arbeit als «Perversionen» bezeichnet: Praktiken im Nationalsozialismus, Kindeswegnahmen und Heimplatzierungen in verschiedenen Ländern (S. 95). Auch hier, meine ich, wird die Stärke der Theorie tendenziell überschätzt und zeigt sich eine Idealisierung der Sozialen Arbeit. Schade auch – aber kein Beitrag kann alles umfassen – dass nicht auf aktuelle Praktiken, z. B. im Flüchtlingswesen oder in der Sozialhilfe verwiesen wird. Dort werden die Rechte von Beziehenden oft massiv eingeschränkt, und dies ist, wie früher, nicht eine Perversion, sondern gängige Soziale Arbeit. Die es zweifelsohne dringend zu analysieren und zu kritisieren gilt.

Soziale Arbeit politisch

Im dritten Themenblock geht es um die auch ausserhalb der Hochschulen viel diskutierte Frage, ob und in welchem Sinne Soziale Arbeit politisch sei. Nach Sommerfeld ist Soziale Arbeit «konstitutiv politisch» (S. 196). Die Soziale Frage, ob alt oder neu, also jene nach dem Umgang der Gesellschaften mit Ungleichheit, liegt der Sozialen Arbeit zugrunde. Sommerfeld geht weit über die Soziale Arbeit hinaus, indem er neue Lebensentwürfe, ein bedingungsloses Grundeinkommen oder auch eine grundlegend auf Care ausgerichtete Gesellschaft postuliert und wünscht, dass Soziale Arbeit «die gestalterische Kraft des Sozialen» wahrnimmt und konkrete Utopien entwickle (S. 205).

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Anna-Céline Sommerfeld ihrerseits spricht sich u. a. für den Aufbau von Synergien zwischen sozialen Bewegungen sowie für Teilen, kollektives Gestalten und Gemeinschaftlichkeit, um im Kleinen konkrete Veränderungen zu erreichen (S. 228), aus. Der Beitrag von Tobias Studer scheint mir etwas idealistisch, wenn ein Grundbestreben Sozialer Arbeit, Machtverhältnisse zu demokratisieren, postuliert und davon ausgegangen wird, dass sie sich auf Anarchismus beziehe.
Allen drei Beiträgen zu diesem Themenblock ist ein Politikverständnis eigen, das über die institutionalisierten Formen der Demokratie hinausgeht. Alle fordern ein Engagement der Fachpersonen für grundlegende Neuorientierungen der Gesellschaften. In wessen Auftrag und mit welcher politischen Orientierung sie dies tun sollen, bleibt eher unklar. Es scheint mir, dass hier zwei Rollen vermischt werden: die professionelle Rolle des öffentlichen Auftrags, bestimmte Leistungen bestmöglichst zu erbringen einerseits, und andererseits die Rolle als citoyen und citoyenne, die das Zusammenleben in der Gesellschaft betrifft. Die erste Rolle ist spezifisch, die zweite betrifft Sozialarbeitende nicht mehr und nicht weniger als Angehörige jeden andern Berufes, auch wenn die Selbstdefinitionen Sozialer Arbeit ein politisches Engagement gerne als unabdingbar erklären. Dieser selbstdeklariere Auftrag erschien mir schon immer als eine Anmassung, eine Zumutung – die ich immer politisch aktiv war.

Soziale Arbeit weiterdenken

Zum Abschluss möchte ich meinerseits zum Weiterdenken, das ich als ein kritisches verstehe, beitragen, und dies zu drei Themen. Ich vertiefe diese in meinem Manuel critique de travail social (Kritisches Handbuch Soziale Arbeit), das 2026 in einer überarbeiteten Neuauflage vorliegen wird (Keller, 2026, im Druck).
Zum Begriff «die Profession». Soziale Arbeit wird im deutschen Sprachraum systematisch als «die Profession» bezeichnet. Im vorliegenden Buch kommt der Begriff genau 147 Mal vor. Als Einzige definiert Lea Hollenstein den Begriff mit Abbott: Professionen unterscheiden sich demnach von anderen Berufen insbesondere dadurch, dass sie abstraktes (wissenschaftliches) Wissen auf konkrete, nicht standardisierbare Einzelfälle anwenden und die Kontrolle über einen exklusiven Zuständigkeitsbereich ausüben (S. 126). Nun, im französischen Sprachraum bezieht man sich grossmehrheitlich seit langem nicht mehr auf eine solche Unterscheidung von Professionen und gewöhnlichen Berufen, wie dies die englische Professionssoziologie der 1960er-Jahre vorschlug. Die sociologie des professions, insbesondere in Frankreich, beobachtet in allen beruflichen Tätigkeiten eine Verlängerung der Ausbildungen mit mehr theoretischem Wissen, eine Zunahme von Anstellungsverhältnissen mit

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immer stärkerer Reglementierung, welche die Autonomie von früher selbständigen Berufen einschränkt, eine Porosität der Tätigkeiten (siehe zum Beispiel Dubar & Tripier, 1998). Sie geht nicht von klar und stabil abgegrenzten Berufen aus, sondern von dynamischen Segmenten oder Gruppen von Berufen, denn «die Differenzierungen beruflicher Tätigkeiten sind instabil, Berufsbezeichnungen provisorisch und Spezialisierungen sind vorübergehend» (Demazière, 2008, S. 43, meine Übersetzung). Segmente einer Berufsgruppe können sich mit jenen einer anderen Gruppe überschneiden (Strauss & Bucher, 1992, S. 78), und das Prestige eines Berufs reduziert sich nicht mehr auf die Ausbildung. Soziale Arbeit bezeichnet nach diesem Verständnis eine Gruppe von Berufen ohne exklusiven Interventionsbereich, also eine «Gruppe von Arbeitnehmenden, die eine Tätigkeit mit gleichem Namen ausüben, daher gesellschaftlich sichtbar sind, Identifikation, Anerkennung und symbolische Legitimität erfahren und einen bestimmten Platz in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung einnehmen» (Demazière & Gadéa, 2010, S. 20, meine Übersetzung). Frage: Was bringt die aus Sicht aus der Romandie schwer nachvollziehbare Sonderbezeichnung «die Profession»?
Zu den Produktionsverhältnissen Sozialer Arbeit. Die Rede von «der Profession» scheint mir auch in Anbetracht der Produktionsverhältnisse, also der konkreten Ausgestaltung der Leistungserbringung in den Einrichtungen der Sozialen Arbeit, schwer zu rechtfertigen. AvenirSocial hat diese Situation einmal mehr dokumentiert insbesondere aufgrund von Daten des Bundesamtes für Statistik (Naef & Keller, 2025, alle Quellenangaben dort). Die konkrete Praxis sieht so aus. Das Sozialwesen Schweiz ist in eine Vielzahl von kleinen und kleinsten, unkoordinierten Einrichtungen zersplittert. Die Statistik zählt 17 000 Einrichtungen, 60% umfassen weniger als 10 und 90% weniger als 50 Arbeitsplätze (alle Funktionen und Berufe), also keine grossen Institutionen wie im Bildungs- oder im Gesundheitsbereich. Die Einrichtungen sind in unterschiedlichsten Bereichen tätig und dies grossmehrheitlich berufs-, ausbildungs- und organisationsübergreifend, in multiplen Organisationsformen auf allen Verwaltungsebenen, 39% sind gewinnorientiert.
Die Statistik ordnet genau 170 Berufe der Sozialen Arbeit zu. Sie zählt 76 000 als Fachpersonen Soziale Arbeit Tätige. 55% von ihnen verfügen über eine Ausbildung in Sozialer Arbeit (alle Stufen, vom eidgenössischen Berufsattest bis zum Master), die übrigen 45% sind ausgebildete Gärtner·innen, Lehrer·innen, Psycholog·innen, Sekretär·innen, Soziolog·innen, Verkäufer·innen, usw. Die Hälfte aller 2023 ausgestellten Diplome betrifft Berufslehren (Sek.II), während die Fachhochschuldiplome weniger als einen Fünftel (17% Bachelor, 1% Master) ausmachen.

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Diese Heterogenität, diese Unbestimmtheit muss die Wissenschaft vertieft analysieren und in den Blick nehmen. Im Buch geschieht dies kurz gerade mal an zwei Stellen (S. 32, 52).
Zum Tabu der Praxisanalyse. Die Beiträge im Buch überbieten sich mit (Selbst-)Kritik an Disziplin und Wissenschaft Sozialer Arbeit. «Die Praxis» hingegen kommt weitgehend ungeschoren davon. Allenfalls wird den Fachpersonen eine mangelnde theoretische Fundierung angelastet oder es werden die neoliberalen Prinzipien in der Sozialpolitik kritisiert. Die Einrichtungen selbst hingegen, die Organisationsformen und Arbeitsbedingungen, ihr Beitrag zu Aus- und Weiterbildung, die Entwicklung neuer Praktiken im Hinblick auf neue soziale Probleme, die Partizipation von Personal und Adressat·innen, die Qualität der Leistungen oder die Verantwortung des Managements bleiben meist unterhalb des Radars. Wie wenn «die Disziplin» eine Hemmung hätte, «die Praxis» in ihrer vollen Realität – allenfalls kritisch – wahrzunehmen. Wie wenn der immer wieder beschworene Dialog eben doch nicht so einfach möglich wäre und weiterhin befürchtet würde, dass «die Praxis» «den Elfenbeinturm» als überheblich wahrnehmen würde.
Wir stehen vor dem Paradox, dass Soziale Arbeit als wissenschaftliche Disziplin vollständig anerkannt ist, während sich «die Praxis» schon damit schwertut, Soziale Arbeit klar zu fassen, also deren spezifische Tätigkeiten und Leistungen zu definieren, umzusetzen und einen Berufsschutz einzuführen. Aber – wer ist «die Praxis»?
Vielleicht hat dieses Tabu auch mit einem aus meiner Sicht idealisierten Verständnis Sozialer Arbeit zu tun. Viele Beiträge des Buches sehen Soziale Arbeit als ein solidarisches Projekt par excellence (S. 50), gründend auf Freiheit und Gleichheit im Widerspruch zur kapitalistischen Ungleichheitsproduktion (S. 113), auf sozialer Gerechtigkeit (S. 141) sowie der Förderung sozialen Wandels, Ermächtigung und Befreiung von Menschen (S. 176). Das mag stimmen, ist aber nur die Hälfte der Wahrheit. Wie alle sozialpolitischen Einrichtungen – dazu gehört die Soziale Arbeit – agiert sie im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf Gerechtigkeit und Gleichheit einerseits und dem Erhalt der bestehenden (Ungleichheits-)Ordnung andererseits. Zu Letzterem gehören Normalisierung, Selektion, Sanktionen, Ausschluss, Zwang. Über diese Aspekte habe ich in diesem Buch wenig gelesen, obwohl sie der Sozialen Arbeit immanent sind und also in die Theorien gehören.
Mein Fazit zum Weiterdenken: das Problem aus meiner Sicht ist nicht unbedingt die Wissenschaft, die Theorie und schon gar nicht die Disziplin, sondern die Vorstellung einer homogenen Profession Soziale Arbeit, die im

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Widerspruch steht zu den unzähligen Praxen in unkoordinierten Kleinsteinrichtungen ohne gemeinsames Interesse, ohne übergeordnete Organisationen und somit ohne Einfluss für eine gute Soziale Arbeit. Vergessen wir auch nicht, dass Soziale Arbeit für arme Leute eingerichtet wurde.

Véréna Keller, emeritierte Professorin Haute école de travail social et de la santé Lausanne HETSL, HES-SO, verena.keller@hetsl.ch

Literatur

Demazière, Didier (2008). L’ancien, l’établi, l’émergent et le nouveau: Quelle dynamique des activités professionnelles? Formation emploi, 101, 41–54.
Demazière, Didier, Gadéa, Charles (2010). Introduction. In Didier Demazière, Charles Gadéa (Hrsg.), Sociologie des groupes professionnels (S. 13–24). La Découverte.
Dubar, Claude, Tripier, Pierre (1998). Sociologie des professions. A. Collin.
Keller, Véréna (2026). Manuel critique de travail social (2e éd. In press). Éditions HETSL et ies.
Krebs, Marcel, Abderhalden, Irene (Hrsg.) (2024). Soziale Arbeit weiterdenken. Festschrift für Peter Sommerfeld. Springer.
Lipsky, Michael (1980). Street-Level Bureaucracy. Dilemmas of the Individual in Public Services. Russell Sage Foundation.
Meyer, Kurt, Hodel, Hans, & Ludi, Niklaus. (1997). Formation de travail social du degré secondaire II et du degré tertiaire non universitaire. Rapport à l’attention de la Conférence suisse des directeurs cantonaux des affaires sociales (CDAS). CDAS.
Naef, Camille, Keller, Véréna (2025). Ausbildung und Beschäftigung in der Sozialen Arbeit in der Schweiz. AvenirSocial. https://avenirsocial.ch/wp-content/uploads/2025/05/Formation-et-emploi-%E2%80%93-Avenir-Social-DE.pdf
Strauss, Anselm, Bucher, Rue (1992). La dynamique des professions. In Anselm Strauss, Isabelle Baszanger (Éd.), La trame de la négociation. Sociologie qualitative et interactionnisme (pp. 67–86). L’Harmattan.

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