[Covid-19] Das Alter im Schatten der Pandemie


Klaus R. Schroeter und Alexander Seifert

 

Abstract

Alt zu sein in Zeiten einer Pandemie kann bedeuteten, sich zu einer Gruppe besonders Gefährdeter zählen zu müssen, eine Zuschreibung, die einen verdeckten Ageism in sich trägt und das eigene Altersbild negativ beeinflussen kann. Der Beitrag verweist auf Deutungsangebote zur aktuellen Situation alter Menschen im ‚Schatten der Pandemie‘ aus Sicht der Sozialen Gerontologie.

Ein Wort vorweg

Ein Virus hält die Welt in Atem und setzt sie einem riesigen ‚Sozialexperiment‘ aus, das tief in die Lebenswelt der Einzelnen greift. Das hat eine heftige Debatte entfacht, die sich längst nicht mehr auf den epidemiologischen Diskurs der ersten Stunden nach Ausbruch der Pandemie begrenzen lässt. Der Diskurs hat sich gewissermassen multi-diszipliniert und wird in unterschiedlichen Medienformaten rasant vorangetrieben. Forschungsinstitute starten Blitzumfragen, Fachjournals legen Sondernummern auf und auch der Buchmarkt reagiert schnell und spuckt Publikationen im Hauruckverfahren aus. Es sind medial vermittelte Momentaufnahmen, die verzugsarm in die Öffentlichkeit geworfen werden. Dementsprechend dissonant tönt das gegenwärtige Meinungskonzert und es wird den jetzt initiierten und künftigen Forschungen vorbehalten bleiben, valide Erkenntnisse retrospektiv zu liefern.

Ein Blick zurück…

Das Virus als Aktant von Bio-Macht und Bio-Politik

Mit dem Virus SARS-CoV-2 trat etwas in die Welt, was die gegebene Situation verändert(e), kein handlungsmächtiger Akteur, sondern ein Aktant im Latour’schen Sinne (Latour 2007), eine wirkungsmächtige Entität, die neue Wirklichkeiten schafft. Die erschütternden Bilder des Ausmasses der Infektion vor Augen, folgte die Bevölkerung gebannt den Berichten und Empfehlungen der Expertinnen und Experten, die in den Krisenstäben den gesundheitspolitischen Takt anzugeben schienen. Angesichts der schnell ins Sicherheitsrepertoire integrierten Quarantäneregelungen (Wiegeshoff 2020) und anderer Restriktionen und Schutzmassnahmen fühlte man sich leicht an die von Foucault (2004) elaborierten Konzepte der ‚Bio-Macht‘ und ‚Bio-Politik‘ erinnert (Sarasin 2020; Stronegger 2020). Das Prinzip „leben zu ‚machen’ und sterben zu ‚lassen’“ (Foucault 1999, S. 284) erhielt im Rahmen der epidemiologischen Debatten um ‚Herdenimmunität‘ und ‚Durchseuchung‘ sowie im Kontext der Überlegungen zur ‚Triagierung‘ der Infizierten oder zur neu entfachten Diskussion zur Patientenverfügung (Dinges 2020) neue Aufmerksamkeit.

Die Neubelebung alter Stereotype

Derzeit werden ältere Personen ab 65 Jahre – mehr oder weniger unterschiedslos – als eine besonders vulnerable Gruppe dargestellt, die aufgrund ihrer ‚Vorerkrankungen‘ und Multimorbidität besonders anfällig für das Virus seien und bei einer entsprechenden Infektion mit gravierenden gesundheitlichen Schäden bzw. mit dem Tod zu rechnen hätten.

Die derzeitige mediale Berichterstattung erzeugt dabei ein Altersbild, das der heterogenen Vielfalt des Alters nicht entspricht und einer Altersdiskriminierung und einem verdeckten Ageism weiteren Vorschub leistet. Das ist ein undifferenzierter Blick auf das Alter, der pauschale ‚Betroffenheit‘ suggeriert, alte Stereotype eines defizitären und gebrechlichen Alters bedient und den alten ‚Belastungsdiskurs‘ aufs Neue befeuert. Das ist eine simplifizierende Sichtweise, die nicht nur das ‚differentielle Alter(n)‘ missachtet, sondern auch die sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten im Alter ignoriert und vonseiten der Sozialen Gerontologie scharf kritisiert wurde (Ayalon et al. 2020; DGGG 2020a, 2020b).

Dass ältere Menschen nicht nur ‚Risiken‘, sondern auch ‚Ressourcen‘ der Gesellschaft sind, bleibt hier weitgehend unbedacht. Ältere Menschen sind in diverseren sozialen Bereichen sozial engagiert und leisten in vielerlei Hinsicht Unterstützungsarbeiten, doch der aktuelle Diskurs erweckt den Anschein, dass sie vorschnell von der ‚Ressource‘ zum ‚Risiko‘ erklärt werden (van Dyk et al. 2020).

Soziale Kontakte und das Narrativ der Solidarität

Älteren Menschen wurde nahegelegt, den Kontakt zu den Enkelkindern zu meiden und auf soziale Kontakte weitgehend zu verzichten. Besonders betroffen waren die in Krankenhäusern und in Alters- und Pflegeheimen lebenden älteren Menschen, die nun vollständig ihrer Aussenkontakte beraubt wurden. Hier findet sich eine Zuspitzung der sozialen Isolation, wenn Besuche ausfallen oder nur unter strengen Schutzmassnahmen erfolgen können (Dinges 2020). Aber auch all die anderen zu Hause lebenden älteren Menschen fanden sich in einem Alltag wieder, der durch die Beschränkung bzw. Unterbrechung direkter sozialer Kontakte und Einschränkungen der Ausserhausmobilität geprägt war (Hwang et al. 2020) und dazu führen konnte, dass sich ältere Menschen nicht nur physisch isoliert, sondern auch subjektiv einsam und ‚betroffen‘ fühl(t)en – was jedoch empirisch erst noch zu belegen wäre.

Auf einer anderen Ebene des Diskurses wurde dem Narrativ der Solidarität neuer Atem eingehaucht und die Krise wurde zugleich auch als Chance zu einer neuen Kultur der Achtsamkeit und Anerkennung gesehen.

a) Zum einen wurde all den Helferinnen und Helfern mit Applaus von den Balkonen Dankbarkeit für ihre aufopferungsvolle Arbeit gezollt und dem Gesundheits- und Pflegepersonal mit dem Verweis auf seine ‚Systemrelevanz‘ gleich auch noch ein symbolisches Kapital der Anerkennung zugesprochen.

b) Zum anderen deuten die zahlreich initiierten kreativen Hilfs- und Unterstützungsaktionen (vom analog verfassten ‚Hoffnungsbrief‘ ins Altersheim bis zu digital abgestimmten Einkäufen und Kontaktangeboten für ältere Menschen) auf das in lokalen Sozialräumen steckende Potenzial zur Festigung der generationenübergreifenden Solidarität in familialen und nachbarschaftlichen Beziehungen (Seifert 2020).

c) Des Weiteren wird diese Solidarität immer wieder auf die Probe gestellt, wenn z.B. in Teilen der Bevölkerung Uneinsichtigkeit oder Fahrlässigkeit bezüglich des Tragens von Mund- und Nasenschutz oder der Wahrung des ‚Mindestabstandes‘ zu beobachten ist. Auch wenn daraus nicht gleich ein ‚Generationenkonflikt‘ zwischen ‚uneinsichtigen‘ jüngeren und ‚vorsichtigen‘ älteren Menschen herzuleiten ist, wird es künftigen Untersuchungen vorbehalten sein, das Gesundheitsverhalten in Zeiten der Pandemie auch auf Kohorteneffekte hin zu untersuchen.

… und ein Blick voraus

Die oben geschilderten Eindrücke sind Deutungsangebote zum ‚Alter(n) in Zeiten von Corona‘, also sozial konstruierte Narrative (Schroeter/Künemund 2020), die sich nicht im Reich des Imaginären verflüchtigen, sondern mit realer Kraft in den Alltag hineinwirken – auch in den Alltag der Sozialen Arbeit. Die Soziale Arbeit hat sich in ihrem Spannungsgefüge zwischen Wissenschaft, Profession und sozialer Praxis auf je verschiedenen Ebenen mit diesen Bildern und Herausforderungen auseinanderzusetzen. Dabei gilt zu bedenken, dass das (kalendarische) Lebensalter zwar ein brauchbares Kriterium für die Bemessungsgrundlage von Rentenansprüchen, aber ein schlechter Indikator für gesundheitspolitische Entscheidungen ist. Soziale Altersarbeit ist zum einen an einer ressourcen- und potentialorientierten und zum anderen an einer bedürfnis- und risikoorientierten Ausrichtung orientiert (Schroeter/Knöpfel 2020). Insofern sind vor allem auch (oder gerade) in den Krisenzeiten der Pandemie die sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten und kulturellen Unterschiede in den verschiedenen sozialen Milieus stärker zu beachten. Für die soziale Altersarbeit gilt auch in Zeiten der Pandemie auf die zwei Kulturen des Alters Bezug zu nehmen: auf die Alten des sog. vierten Alters, die fragilen, hilfs- und pflegebedürftigen Alten, die auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen sind, und auf die Alten des sog. dritten Alters, die bei relativer Gesundheit selbst noch im Rahmen freiwilliger Tätigkeiten vielfältige Unterstützung leisten und nun durch die bestehenden Restriktionen in ihrem Engagement ‚ausgebremst‘ werden. Beide Alterskulturen gehören auf je verschiedene Art und Weise zum Adressatenkreis der Sozialen Arbeit – der Übergang von Hilfegebenden zu Hilfeempfangenden ist fliessend. Auf der unmittelbaren Praxisebene wird es Aufgabe der sozialen Altersarbeit sein, u.a. danach zu fragen, wie denjenigen zu helfen ist, die mit der Krise mehr zu hadern haben als andere und was für all diejenigen zu tun ist, die sich einsam fühlen und Hilfe benötigen.

Bibliographie

Ayalon, Liat, Chasteen, Alison, Diehl, Manfred, Levy, Becca R., Neupert, Shevaun D., Rothermund, Klaus, Tesch-Römer, Clemens, & Wahl, Hans-Werner (2020). Aging in Times of the COVID-19 Pandemic: Avoiding Ageism and Fostering Intergenerational Solidarity. In: The Journals of Gerontology: Series B, gbaa051.
https://doi.org/10.1093/geronb/gbaa051

DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie) (2020a). Partizipation und soziale Teilhabe älterer Menschen trotz Corona-Pandemie ermöglichen. (24. April 2020)
https://www.dggg-online.de/fileadmin/aktuelles/covid-19/20200424_DGGG_Statement_Sektionen_II_III_IV_Soziale_Teilhabe_und_Partizipation.pdf

DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie) (2020a). Öffentliche Kommunikation und Berichterstattung zu ‚Corona & Alter‘. (1. April 2020)
https://www.dggg-online.de/fileadmin/aktuelles/covid-19/20200401_Paper-Kommunikation-Alter-und-Corona-SektionIII.pdf

Dinges, Stefan (2020). Corona und die Alten – um wen sorgen wir uns eigentlich? In: Kröll, Wolfgang; Platzer, Johann; Ruckenbauer, Hans-Walter; Schaupp, Walter (Hrsg.): Die Corona-Pandemie. Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise. Baden-Baden: Nomos, S. 69-84.

Foucault, Michel (1999). In Verteidigung der Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2004). Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Collège de France 1978–1979. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Hwang, Tzung-Jeng, Kiran Rabheru, Carmelle Peisah, William Reichman, & Ikeda, Manabu (2020). Loneliness and Social Isolation during the COVID-19 Pandemic. In: International Psychogeriatrics.
https://doi.org/10.1017/S1041610220000988

Latour, Bruno (2007). Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Sarasin, Philipp (2020). Mit Foucault die Pandemie verstehen? (26. August 2020)
https://geschichtedergegenwart.ch/mit-foucault-die-pandemie-verstehen/

Schroeter, Klaus R.; Knöpfel, Carlo (2020). Soziale Arbeit für ältere Menschen in der Schweiz. In: Aner, Kirsten; Karl, Ute (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. 2., Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 95-105.

Schroeter, Klaus R.; Künemund, Harald (2020). ‚Alter‘ als Soziale Konstruktion – eine soziologische Einführung. In: Aner, Kirsten; Karl, Ute (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. 2., Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 545-555.

Seifert, Alexander (2020). Nachbarschaft und Wohlbefinden – auch zu Zeiten der Pandemie. In: GERONTOLOGIE CH 1: 4–5.

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van Dyk, Silke; Graefe, Stefanie; Haubner, Tine (2010). Das Überleben der ‚Anderen‘: Alter in der Pandemie. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 5 (2020), S. 33-36.

Wiegeshoff, Andrea (2020). Quarantäne als Sicherheitsrepertoire. (26. August 2020) https://www.soziopolis.de/beobachten/gesellschaft/artikel/quarantaene-als-sicherheitsrepertoire/

Authors

Klaus R. Schroeter, Prof. Dr. phil. habil., ist Leiter des Schwerpunktes ‚Menschen im Kontext von Alter‘ und Professor für Soziale Arbeit und Alter am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Korrespondenz: klaus.schroeter (at) fhnw.ch

Alexander Seifert, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Korrespondenz: alexander.seifert (at) fhnw.ch

Recommended citation

Klaus R. Schroeter, Alexander Seifert (2020). Das Alter im Schatten der Pandemie. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit. Soziale Arbeit in Zeiten der Covid-19 Pandemie. S. 6-9.
URL: https://szsa.ch/covid19_6-9/

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