[Covid-19] Systemrelevanz von Hilfe und Kontrolle? Professionslogische Überlegungen zur Sozialen Arbeit in Zeiten von Covid-19


Esteban Piñeiro, Luca Geppert und Samson Rentsch

 

Abstract

In der Covid-19 Krise ging es von Anfang an auch um die Frage, welche Bereiche der gesundheitlichen und sozialen Grundversorgung als unverzichtbar gelten. Die Praxis der Sozialen Arbeit positionierte sich umgehend als «systemrelevant». Referenziert werden damit vornehmlich Hilfe-, Schutz- und Solidaritätsnarrative. Der fachwissenschaftliche Diskurs zeigt aber, dass eine kritische Diskussion zum Kontrollmodus sozialarbeiterischer Hilfe auch in der pandemischen Situation angezeigt bleibt.

Systemrelevanz von Sozialer Arbeit

Der Ausbruch der Covid-19 Pandemie verlieh dem Jahr 2020 die Insignien einer Jahrhundertkrise. Mit dem ersten Lockdown in der Schweiz Mitte März 2020 legte der Bundesrat auf einen Schlag fest, welche Bereiche der Wirtschaft, der gesundheitlichen und sozialen Grundversorgung als unverzichtbar gelten sollten. Daraufhin setzte eine öffentliche Diskussion um die Relevanz verschiedener Berufszweige in Zeiten der Krise ein. Mitten drin befand sich auch die Soziale Arbeit. Viele ihrer Organisationen und Angebote hatten sich gezwungen gesehen, die Arbeit einzustellen oder stark einzuschränken. Notschlafstellen und Jugendhäuser mussten schliessen, Anlauf- und Beratungsstellen verschoben ihre Tätigkeiten in den digitalen Raum oder stellten auf Telefonberatung um, während in (teil-)stationären Einrichtungen wie Asylunterkünften, betreutem Wohnen oder bei behördlich angeordneten Massnahmen weitergearbeitet werden musste (vgl. Böllert 2020). Simone Gremminger (2020, 3), Vorstandspräsidentin des Schweizer Berufsverbandes Avenir Social, wies darauf hin, dass jene «Menschen, die aus strukturellen und individuellen Gründen kein oder nur ein teilweise selbstbestimmtes Leben führen können», von der Krise besonders betroffen seien. Der «menschliche Kontakt und die Unterstützung von Menschen» stünden «in Notlagen im Zentrum» (ebd.). Damit stellte sie klar, dass Leistungen der Sozialen Arbeit «systemrelevant» (ebd.) sind. In Deutschland machten Sozialarbeitende mit der Kampagne #dauerhaftsystemrelevant auf ihre besondere gesellschaftliche Rolle aufmerksam: «Sie halten das soziale Netz stabil und tragen dazu bei, dass soziale Problemlagen bewältigt oder verhindert werden» (DSBH 2020). Beinahe zeitgleich monierte Avenir Social (2020, 1), dass «ausgeblendet» werde, was «Fachpersonen der Sozialen Arbeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesen Tagen, Wochen und Jahren, die folgen, alles leisten und leisten werden.»

Nicht nicht kontrollieren

Die Testimonials aus der Professional Community der Sozialen Arbeit zeigen, worauf sich die Systemrelevanz der Sozialen Arbeit bezieht: auf den Unterstützungsbedarf marginalisierter Personen, welche gerade in Krisenzeiten Mehrfachbelastungen ausgesetzt sind. Durchforstet man die Ausführungen zu Covid-19 auf einschlägigen Internetportalen der Praxis wie etwa sozialinfo.ch, avenirsocial.ch, integras.ch oder DSBH.de, dann treten Sozialarbeitende primär als Hilfeleistende in Erscheinung. Sie zeigen sich im Berufsalltag flexibel, wenn es darum geht, neue Aufgaben zu übernehmen oder Sonderleistungen zu erbringen. Als Ausgangspunkt des professionellen Handelns und wichtigste Aufgabe der Profession gilt hier das Wohl der Adressat*innen, die Hilfsbedürftigkeit der Menschen und ihr Engagement «für eine solidarische Gesellschaft» (Beuchat/Grob 2020, 6). Dieses einseitige, auf die Hilfefunktion von Sozialer Arbeit konzentrierte berufliche Selbstverständnis wird im fachwissenschaftlichen Diskurs aber nachhaltig irritiert. So erhebt Dollinger (2019, 20) «Kontrolle … zum zentrale[n] Modus, in dem Soziale Arbeit agiert. Sie kann helfen, indem sie kontrolliert, oder sie kann auch ausschliesslich kontrollieren. Aber sie kann nicht nicht kontrollieren» (ebd.). Denn Soziale Arbeit steht «in einem engen Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Ordnungsmodellen, mit der Durchsetzung von Normalitätskonzepten und der Kontrolle abweichenden Verhaltens» (Bommes/Scherr 20112, 27). Sie motiviert ihre Adressat*innen zu «Anpassungsleistungen an die Bedingungen der modernen Gesellschaft» (Bommes/Scherr 2012, 187) und ist dabei zugleich in paradoxer Weise zu einer «besonderen Solidarität mit den Randständigen, Aufsässigen, Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft verpflichtet» (Schütze 1996, 246). Die theoretischen Figuren des Doppel- oder Tripelmandates bringen eine Binarität von Hilfe und Kontrolle zum Ausdruck und polarisieren zwischen einer positiv konnotierten Hilfe (für Adressat*innen) und einer negativen Kontrolle (im Auftrag von Staat oder Gesellschaft). Auch in der Covid-19 Krise legitimiert sich Soziale Arbeit über ihre advokatorische Hilfe für das Klientel. Ihre Kontrollfunktion bleibt dabei jedoch unerwähnt – etwa als Schutz in Fällen von Selbst- oder Fremdgefährdungen. Darin unterscheidet sie sich von anderen Modi der sozialen Kontrolle (vgl. Dollinger 2019, 20). Kontrolle ist der Hilfe aber «immanent» (Becker-Lenz 2005, 91), sie bildet ein «internes Moment helfender Intervention» (Bommes/Scherr 2012, 72).

Sozialarbeiterische Kontrolle als Teil professioneller Identität?

Gamba/Cattacin/Ricciardis/Nardone (2020, 351) stellten fest, dass die Berichterstattung zur Covid-19 Krise «Aspekte im Zusammenhang mit Freiheit und Privatsphäre» kaum thematisierte, obwohl diese zum Schutz der öffentlichen Gesundheit weitreichend eingeschränkt wurden. Ein ähnlich gelagertes dynamisches Zusammenspiel von Sicherheit und Freiheit oder von Schutz und Kontrolle bildet sich im Kontext von Sozialer Arbeit ab. Im Covid-19 bedingten Ausnahmezustand, wie auch im Regelbetrieb der sozialen Grundversorgung, verweist die Frage nach der Systemrelevanz von Sozialer Arbeit auf den spezifischen Kontrollmodus sozialarbeiterischer Hilfe. Was würde sich also ändern, wenn Kontrolle offensiver als Teil der professionellen Identität thematisiert und als Logik des professionellen Handelns bewusst gemacht würde?

Schütze etwa legt eine solche professionslogische Adjustierung nahe, indem er den der Hilfe immanenten Kontrollaspekt Sozialer Arbeit als unauflösbare Paradoxie professionellen Handelns konzipiert. Allerdings stehen hier Hilfe- und Kontrolllogiken weiterhin in einem Widerspruch zueinander – und dieser sei, so Schütze (1992, 163), jedenfalls «nicht lösbar oder gar aufhebbar; [er könne] nur umsichtig in Rechnung gestellt und bearbeitet werden». Zum professionellen Selbstverständnis avanciert sozialarbeiterische Kontrolle in jenem Moment, in dem die Paradoxien des professionellen Handelns, wie von Schütze (1992, 138) gefordert, ausgehalten werden müssen, statt sie fehlerhaft abzuarbeiten und Klient*innen gegenüber zu verschleiern. Dem folgend stellt sich die Frage, ob die geltenden Selbstnarrative und zentralen Professionsideale von Sozialer Arbeit als Hilfe nicht überprüft und kritisch diskutiert werden müssten. Trifft die Beschreibung als «stellvertretende Krisenbewältigung» zu, deren Tätigkeit in der «Sicherung von Autonomie im Sinne der Beseitigung von Schädigungen und Störungen vernünftiger Lebenspraxis» (Oevermann 2009, 114) besteht? Fehlt bei dem Verständnis einer Sozialen Arbeit als «Funktion gewordene Brüderlichkeit», die vor dem «normativen Hintergrund der Gleichheit», sozialer Gerechtigkeit und Emanzipation (Sommerfeld/Dällenbach/Rüegger/Hollenstein 2016, 70; Herv. i. O.) operiert, nicht die Erwähnung von z.B. Normalität und Konformität als weitere Bezugswerte? Und kann die Soziale Arbeit ihrem dritten Mandat (vgl. Staub-Bernasconi 2019, 87) gerecht werden, das sich «der Berufsethik und den Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit» «verpflichtet» sieht (Avenir Social 2010, 8), solange sie ihre eigenen Kontrollfunktionen nur ansatzweise in den Blick nimmt? Eine erhöhte Transparenz bezüglich sozialarbeiterischer Kontrolle liesse die Reproduktion politisch-institutioneller Verhältnisse und gesellschaftlicher Normalitäts- und Ordnungsvorstellungen durch die Soziale Arbeit sichtbarer und damit professionell bearbeitbar werden. Auch in der pandemischen Krise bleibt eine fachliche Debatte zum Kontrollmodus sozialarbeiterischer Hilfe angezeigt. Denn öffentlich organisierte Hilfe und Schutz sind ohne Kontrolle nicht zu haben.

Bibliographie

Avenir Social – Berufsverband Soziale Arbeit Schweiz (Hrsg.) (2010): Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz. Ein Argumentarium für die Praxis. Online: https://avenirsocial.ch/wp-content/uploads/2018/12/SCR_Berufskodex_De_A5_db_221020.pdf [Zugriffsdatum: 22.12.2020].

Avenir Social – Berufsverband Soziale Arbeit Schweiz (Hrsg.) (2020): Medienmitteilung. Corona – alles anders und alle solidarisch? Die Sicht der Sozialen Arbeit? Online: https://avenirsocial.ch/wp-content/uploads/2020/04/MM_Corona_2.4_D..pdf [Zugriffsdatum: 21.12.2020].

Becker-Lenz, Roland (2005): Das Arbeitsbündnis als Fundament professionellen Handelns. In: Pfadenhauer, Michaela (Hrsg.): Professionelles Handeln. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 87–104.

Beuchat, Stéphane/Grob, Annina (2020): In Krisenzeiten verstärken sich die Ungleichheiten. In: SozialAktuell – Fachzeitschrift für Soziale Arbeit. Alles Anders? Soziale Arbeit und die Coronakrise. Nr. 5. S. 6-7.

Böllert, Karin (2020): Herausforderungen von und Perspektiven nach Covid-19: Corona geht uns alle an – nur manche ganz besonders! In: neue praxis, Nr. 2. S. 181-187.

Bommes, Michael/Scherr, Albert (2012): Soziologie der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in Formen und Funktion organisierter Hilfe. Weinheim: Juventa.

DSBH (2020): Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. DSBH. Unsere Forderungen. Online: https://dauerhaft-systemrelevant.de/forderungen/ [Zugriffsdatum: 21.12.2020].

Dollinger, Bernd (2019): Hilfe als Konditionalprogramm: Eine Systematisierung sozialer Kontrolle als Kernaufgabe Sozialer Arbeit. In: Kriminologisches Journal. Nr. 1. S. 7-23.

Gremminger, Simone (2020): Epilog. In: SozialAktuell – Fachzeitschrift für Soziale Arbeit. Nr. 5. S. 3

Oevermann, Ulrich (2009): Die Problematik der Strukturlogik des Arbeitsbündnisses und der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung in einer professionalisierten Praxis von Sozialarbeit. In: Becker-Lenz, Roland/Busse, Stefan/Ehlert, Gudrun/Müller-Hermann, Silke (Hrsg.): Professionalität in der Sozialen Arbeit: Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 113–142.

Schütze, Fritz (1992): Sozialarbeit als «bescheidene» Profession. In: Dewe, Bernd (Hrsg.): Erziehen als Profession. Zur Logik professionellen Handelns in pädagogischen Feldern. Opladen: Leske und Budrich.

Schütze, Fritz (1996): Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen im Sozialwesen: Ihre Auswirkungen auf die Paradoxien des professionellen Handelns. In: Combe, Arno/Helsper, Werner (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. S. 183–275.

Sommerfeld, Peter/Dällenbach, Regula/Rüegger, Cornelia/Hollenstein, Lea (2016): Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis. Wiesbaden: Springer VS.

Staub-Bernasconi, Silvia (2019): Menschenwürde – Menschenrechte – Soziale Arbeit. Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füsse stellen. Opladen, Berlin & Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Authors

Esteban Piñeiro, Prof. Dr. phil., ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Korrespondenz: esteban.pineiro (at) fhnw.ch

Luca Geppert, ist Student der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Korrespondenz: luca.geppert (at) students.fhnw.ch

Samson Rentsch, BA, ist Student der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Korrespondenz: samson.rentsch (at) students.fhnw.ch

Recommended citation

Esteban Piñeiro, Luca Geppert, Samson Rentsch (2020). Systemrelevanz von Hilfe und Kontrolle? Professionslogische Überlegungen zur Sozialen Arbeit in Zeiten von Covid-19. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit. Soziale Arbeit in Zeiten der Covid-19 Pandemie. S. 14-17.
URL: https://szsa.ch/covid19_14-17/

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